„Wir müssen an die Leistungsreserven gehen“

Energiewende, Elektromobilität und die Steigerung der Produktivität in der Industrie stellen gänzlich neue Anforderungen an Kabelsysteme. Doch wer durch den Einsatz digitaler Werkzeuge den Zustand eines Systems genau kennt, der kann näher an dessen Leistungsgrenzen gehen – und mehr herausholen. Ein Interview mit Torsten Schierholz, Chief Digital Officer bei LEONI.

Herr Schierholz, der digitale Wandel gewinnt bei LEONI weiter an Fahrt. Wie hat dies das Unternehmen bereits verändert?
Wir haben mittlerweile die konsequente Ausrichtung von LEONI zum Lösungs- und Systemanbieter in unserer Strategie verankert. Alles, was wir in den vergangenen zwei Jahren im Kontext der Digitalisierung angestoßen haben, zielt darauf ab, dass wir uns noch stärker als Technologiepartner für unsere Kunden etablieren. Das werden wir konsequent weiterführen, wobei wir unsere Aktivitäten zukünftig noch stärker auf Kundennutzen und strategische Relevanz hin ausrichten.

Wie kommt das bei den Mitarbeitern an?
Der Wandel vom Produkt- zum Lösungsanbieter hat sich im Bewusstsein vieler Kollegen in den Geschäftsbereichen bereits fest etabliert. Natürlich sind manche Business Units im Systemgeschäft bereits stärker unterwegs als andere. Dabei zeigt sich: Überall dort, wo bereits ein gutes Systemverständnis vorhanden ist, fällt uns der Weg zu neuen, digitalen Geschäftsmodelle leichter, zum Beispiel im Bereich der Robotik, der Automatisierung und der Elektromobilität. Nicht zu vergessen sind aber auch Lösungen, um die Prozesse in unserer eigenen Produktion zu verbessern. Etwa indem wir Virtual und Augmented Reality einsetzen, um die Kosten und die Fehlerquote nachhaltig zu senken.

Gab es in den letzten zwei Jahren auch Zweifel?
Am Anfang haben wir auch skeptische Rückmeldungen bekommen. Das ist für einen Veränderungsprozess aber ganz normal. Dann zeigten positive Feedbacks von Kunden und Technologiepartnern wie Microsoft, dass wir auf dem richtigen Weg sind. Am wichtigsten ist bei alledem die Kommunikation zwischen allen Beteiligten. So haben wir monatliche Webcasts eingeführt, an denen viele Kollegen teilnehmen, um sich über den aktuellen Stand der Digitalisierung bei LEONI zu informieren. Diese online Konferenzen sind für jeden Mitarbeiter zugänglich, unabhängig von Standort, Bereich und Funktion.

Digitalisierung ist kein Selbstzweck. Worin liegen die wichtigsten Vorteile digitaler Lösungen für Ihre Kunden?
Zunächst einmal: Wir trennen das Thema grundsätzlich auf in die Bereiche Industrie 4.0 und Internet der Dinge. Industrie 4.0 richtet sich vor allem an die Prozesse in der Produktion und in den Wertschöpfungsketten, das Internet der Dinge eher an den Kunden, die Anwendung und den Zusatznutzen von Produkten. Unser Fokus liegt klar auf dieser Produkt- und Lösungsebene: Wir stellen die Frage, wie unsere Kabelsysteme in der Applikation einen Zusatznutzen stiften können. Oder noch konkreter: Wie die Energie- und Datenübertragung zuverlässiger, effizienter und sicherer werden kann. Die Digitalisierung ermöglicht diesen Zusatznutzen, indem wir ein grundsätzlich ja erst einmal passives elektrisches System wie ein Kabel aktiv überwachen...

...was LEONI aber durchaus ja auch in der industriellen Produktion mit intelligenten Dresspacks für Roboter erprobt.
In der Tat. Wir kombinieren unsere LEONiQ Technologie zum Beispiel mit dem Berliner IoT-Startup Relayr, das mittlerweile von der MunichRe übernommen wurde, um eine smarte Roboterlinie aufzubauen. Dabei statten wir zunächst die Dresspacks von Schweißrobotern im Karosseriebau mit intelligenten Kabelsystemen aus. Dann verbinden wir die dabei gewonnenen Daten mit Daten aus der Robotersteuerung und anderen Systemen. Das schafft Transparenz über den Zustand der Roboter, senkt den Wartungsaufwand, verhindert ungeplante Ausfälle und erhöht somit die Produktivität eines Werks. Das dafür erforderliche Datenmodell, das wir entwickeln, ermöglicht es aber nicht nur, dem Betreiber eine Monitoring-Lösung anzubieten. Denkbar sind auch weitergehende Geschäftsmodelle wie etwa eine garantierte Verfügbarkeit. Mit LEONiQ denken wir weit über die bisher gelieferte Hardware hinaus.

Mehr Transparenz ist auch das Ziel bei intelligenten Kabeln in Verteilnetzen. Wie weit sind Sie hier gekommen?
Wir haben in Zusammenarbeit mit unserer Kollegen von Adaptricity eine LEONiQ-Installation bei einem großen Schweizer Verteilnetzbetreiber realisiert, um einen konkreten Parameter – die Temperatur im Kabel – zu messen. Das Zusammenspiel aus dem intelligenten Kabel mit integrierter Sensorik und dem Data Analytics Center, das die Software abbildet, funktioniert bereits sehr gut. Ganz wichtig ist dabei jedoch, dass wir mit unseren Datenmodellen auch rein virtuelle Sensoren einrichten können. Diese berechnen die Temperaturen aus bereits vorhandenen Datenmengen, um die Hardwaremessungen zu ergänzen. Das Ergebnis unserer Analyse: Es ist möglich, in einem Verteilnetz mit einem um 30 Prozent dünneren Kabel die gleiche Strommenge zu übertragen, weil wir im Betrieb eine Überhitzung durch Monitoring vermeiden und das Kabel sicher an seine Leistungsgrenzen bringen können. Oder anders gesagt: Wir können die Leistungsreserven berechnen und mit der gleichen Infrastruktur eine deutlich höhere Strommenge im Verteilnetz transportieren. Und das ist bei der Ausgestaltung der Energiewende ein großer Pluspunkt.

Die Verteilnetze werden ja auch durch immer mehr Elektrofahrzeuge belastet. Wie kann deren Ladetechnik verbessert werden?
Hier setzen wir mittelfristig verstärkt auch auf virtuelle Sensoren. Für die Testphase verwenden wir zunächst Hardwaremessungen mit LEONiQ-Technologie, um unsere mathematischen Datenmodelle zu verifizieren und die Algorithmen zu trainieren. Wir erstellen dann einen digitalen Zwilling des Kabel- und Ladesystems. Ziel ist es, mit einer Software, die wir beispielsweise auf dem Batterie-Managementsystem aufspielen, zu ermitteln, wie heiß das Ladekabel zwischen Ladebuchse und Batterie wird.

Welche Vorteile hätte das?
Die Autofahrer akzeptieren nur sehr kurze Ladezeiten. Doch während des Schnellladens kann das Kabel sehr heiß werden. Wenn eine Software exakt berechnen kann, wieviel Strom unter bestimmten Rahmenbedingungen maximal durch ein Kabel geschickt werden kann, ohne dieses zu schädigen, dann können wir dem Autofahrer die kürzeste Ladezeit anbieten, die technisch möglich ist. Und wir müssen an diese Leistungsreserven gehen, wenn wir der Elektromobilität zum Durchbruch verhelfen wollen.

Herr Schierholz, vielen Dank für das Gespräch.

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